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Logbuch IX

Der Norden ruft

Vom Baro Markt geht es mit den Norwegern noch ein Stück weiter. Sie fahren mich auf ihrem Weg nach Faro netterweise noch nach Lagos, wo ich mich von ihnen verabschiede, für die schöne Zeit bedanke und verspreche die beiden eines Tages in Norwegen zu besuchen.

In Lagos kenne ich mich schon ein wenig aus. Ich schwinge mich auf den Roller und begebe mich zum Busbahnhof. Kurze Zeit später kommt dort Zaque an, aus Lissabon! Wir hatten kurzfristig ausgemacht uns hier zu treffen. Unsere Idee ist es, noch ein bisschen durch die Algarve zu tingeln, ein paar Tage die Küste genießen, wir steuern zum Beispiel den wunderschönen Strand "Barranco" anZaque ist erstmalig hier!

Länger schon treibt mich der Gedanke um, meiner Familie und Freunden Zuhause wieder begegnen zu wollen. So treffe ich die Entscheidung zur richtigen Zeit „heimzukehren“. Dies ist zunächst ein großer Begriff, bin ich doch nun so richtig ans Reisen gewöhnt, doch auf der anderen Seite bin ich langsam auch etwas überwältigt von all diesen tollen Erlebnissen. Das ist auch kein Problem – einfach natürlich, dass die Offenheit die am Anfang meiner Reise von mir ausging und das Fernweh, nun vorerst gestillt sind und es mir gut tun wird, meine Batterien wieder aufzuladen, Menschen und Dinge sehen die mir vertraut sind! Aber ich möchte auch nichts überstürzen und schon gar nicht nach Deutschland fliegen. Also passt es ausgezeichnet, dass Zaque ähnlich geht, und wir haben Lust entspannt bis Frankreich zusammen zu Reisen.

Für die erste Nacht wählen wir den Strand in Lagos hinter ein paar Ruinen zu unserem Schlafplatz. Als es in der Nacht zu regnen anfängt schlupfen wir unter ein aufgestelztes Strandhaus. Diese Nacht stellt sich nicht als die ruhigste heraus und erst am nächsten Morgen werden uns die Ausmaße der Mückenplage klar. Das Gesicht meines Reisegefährten ist stark angeschwollen, seine Augenlider drücken schwer. Mein Körper reagierte nicht auf diese Weise auf die Stiche. Wir besorgen Antihistamin in der Apotheke und machen uns am Nachmittag dann auf den Weg.

Am Abend entdecken wir eine Hochhaus-Bauruine. Ein Blick genügt, wir steigen ein! Dieser Schlafplatz war also mal etwas spektakulärer als üblich. Die Aussicht von unserem luftigen Fleckchen war auch nicht von der Hand zu weisen, besonders das Küsten-Panorama auf der einen Seite. Was für ein schöner Start dieser neuen Etappe!

Das Trampen ist oft eine ganz schöne Herausforderung. Wir versuchen die Vorbeifahrenden mit unserer guten Laune zu animieren und daraufhin ein Lächeln zu erreichen oder oft auch eine entschuldigende Geste ist schon goldwert. Pure Ablehnung zehrt nämlich auf Dauer an unserer Moral. Wir sind zwar eine ganz schöne Zumutung mit großen Rucksäcken, meinem Roller, der sich zusammen klappen lässt, und der Gitarre von Zaque, doch haben wir all das auch schon in wirklich kleine Autos gequetscht. Also versichern wir allen, die daran Zweifeln, dass es passt!

Nach mehreren Tagen purer Entspannung am Strand, hatten wir uns jetzt richtig auf den Weg gemacht.

Erst geht es langsam voran, wir haben lustige Mitfahrgelegenheiten wie zum Beispiel eine Metal-hörende Mama, die bis ihr Mann mit seiner Arbeit fertig sein würde, im Auto umherfuhr und uns so ein gutes Stück weiter bringen konnte. Dann aber wiederum kommen wir auch sehr schnell voran, als uns ein niederländischer Developer in seinem Jaguar aufpickt und wir mit 220km/h über die Autobahn wie auf einer Rennstrecke rasen, (Er machte beim fahren tatsächlich von allen drei Spuren Gebrauch). Er war natürlich beruflich hier in Portugal und für ein Meeting in der Algarve gewesen. Er bringt uns weiter als Lissabon, wir wollen dort keinen Stop einlegen. Da er nördlich von Lissabon wohnt, haben wir die Chance noch ein Stück weiter zu fahren.

 

Wir bemühen uns, zügig nach Porto zu gelangen. Dazu verhilft einer der einzigen Portugiesen der für uns anhält! Er fährt uns bis ins absolute Zentrum, was für ein Service, obwohl er im Nachbarort lebt, an dem wir sogar vorbeifahren! Für Porto habe ich eine Idee. Noch weiß ich nicht ob es klappt, aber von Annika weiß ich, dass es in Porto eine Republika gibt. Das sind im allgemeinen Häuser von Studentenbewegungen in denen viele junge Leute leben. Auch kommen in diesen Häusern oft Erasmus Studenten unter, und was meiner anfänglichen Skepsis den Garaus machte, sie sind nicht so erzkonservativ wie manch andere Verbindung. Das galt allerdings den Republikas im Allgemeinen und nicht bezüglich einer möglichen Übernachtung dort. In Porto gibt es davon lange nicht so viele wie in Coimbra, wo Annika und Igor gelebt hatten, doch die eine, die uns nun bekannt ist, suchen wir auf. Zwei Couchsurfer geben uns, auf ihrem Weg nach draußen, die Tür in die Hand. Sollen wir einfach reingehen? Unser Klopfen zuvor war nicht gehört worden, also treten wir ein. Im Wohnzimmer treffen wir die ersten Studenten. Es ist Sonntag, ausruhen ist angesagt und die Anwesenden sagen hier zu übernachten sei kein Problem. Wir sehen uns gemeinsam amerikanische Klassiker per Netflix an. Das war einfach, zumindest bis jetzt. In Städten spontan Unterschlupf zu finden ist immer so eine Sache. Beim Trampen vermeide ich es oft.

 

Am Abend fragen uns dann allerdings doch noch ein paar Leute wie wir zu ihnen kommen, sehr verständlich, dafür dass sie ihr Haus so vielen öffnen! Insgesamt bleiben wir zwei Nächte. Tagsüber schauen wir uns ein wenig die Stadt an, welche wirklich sehr schön ist, und machen noch ein paar Besorgungen, bevor es dann weiter geht.

Wir machen den Fehler aufs Landesinnere zuzuhalten. Auf der Karte scheint das doch der kürzeste Weg. Zusätzlich zur nördlichen Richtung kommt nun östlich dazu, schließlich müssen wir ja bald Spanien schneiden um endlich nach Frankreich zu gelangen, wo sich unsere Wege trennen würden.

Wir werden stark enttäuscht. Natürlich ist uns klar, dass wir nicht kontrollieren können wie unsere Route verläuft und wollen dies auch nicht, schon oft haben wir unser Etappenziel angepasst.

Wir landen in den entlegensten Dörfern. Hin und wieder gelingt es uns einen LKW-Fahrer zu überzeugen uns mitzunehmen, des öfteren jedoch ist ihnen das Risiko zu groß, da sie geschäftlich unterwegs sind. Fast unmerklich gelangen wir so auch über die Grenze nach Spanien. Nordspanien ist anders als der uns vertrautere Süden, doch wir freuen uns wirklich einige Sachen wieder zu sehen, beziehungsweise auch zu verstehen. Dazu gehören auch die bekannten Supermärkte. 

Aber wir sind noch immer im ruhigeren Inland, wie zuletzt in Portugal. Mit den wenigen Touristen hier entlang fahren haben wir kein Glück, meist sind sie auch vollgepackt bis unters Dach. Wo sind die lustigen Vans mit jungen Abenteurern, die wir speziell von den Küsten gewohnt sind? Wir haben noch Hoffnung eines Tages bis Frankreich mitgenommen zu werden. Ich frage hier und da auch schon, "bis nach Deutschland?" 

Unwiderlegbar bewusst wird uns unsere verzweifelte Lage, als wir nach einem langen Wochenende, vier Tagen des Wartens  einen Schlussstrich ziehen. Von einem überaus netten Spanier waren wir an einem großen Rastplatz abgesetzt worden, der vielversprechend mit Internationalen Trucks gefüllt war. Wir hatten in der Zeit als wir uns dort eingerichtet hatten mit fast jedem der Trucker gesprochen. Kein Glück. Mehr als die Hälfte fuhr zurück nach Portugal, das P am Nummernschild beachteten wir also schon gar nicht mehr. Ein weiterer Teil hatte ein Problem damit das wir zu zweit waren oder generell keine Lust. Das ist auch verständlich, bis Frankreich wäre es noch eine eintägige Fahrt, aber uns war das alles egal, wir wollten einfach weg hier, weiter! Die Türken waren auf dem Parkplatz in meier Wahrnehmung am freundlichsten und sehr aufgeschlossen. Sie berieten mit ihren Kollegen, als sie uns niedergeschlagen Tag für Tag mit unseren Schildern auf und ab laufen sahen. Sie luden sogar zum Essen ein, mit einem Glas Raki und gegenseitigen Sprach-Versuchen war das ein schöner Kulturaustausch!

Eines Morgens hatten wir um 5uhr eine versprochene Mitfahrt, als wir jedoch feststellten, dass besagter Fahrer schon über alle Berge war, war wieder alle Hoffnung geschwunden. Zwischendurch waren wir auf ein gigantisch großes Fest (ival) eingeladen worden, welches uns ein wenig abgelenkt hatte, aber am nächsten morgen gab es noch immer das selbe Problem. An diesem Punkt konnten wir keine rationalen Entscheidungen mehr treffen und gingen uns auch gegenseitig auf die Nerven. Wir brauchten also etwas, worauf Verlass war.

Wir buchen eine Verbindung nach San Sebastian, ganz im Norden Spaniens und unweit der französischen Grenze. Endlich geht es weiter, und weg aus Valladolid!

Während eines Zwischenhalts in Vitoria Gasteiz erleben wir wunderschöne Pfaue in einem botanischen Garten. Als wir in San Sebastian/Donosti im Baskenland ankommen, regnet es in Strömen. Wir steuern auf eine Bibliothek zu und als wir an der Strand Promenade vorbeikommen, kommt die Sonne hervor. Nun brauchen wir uns vorerst zumindest doch nicht unterstellen. Beim Anblick des Strandes, erinnere ich mich nur zu gut an den Morgen, vor einigen Jahren, mit meiner Familie, den wir hier versucht hatten auszuschlafen. Dieser Strand wirkt nach unseren Kriterien jetzt schutzlos und kommt leider nicht zum übernachten in Frage. Noch am selben Abend buchen wir uns beide Fernbustickets ins Heimatland und schlafen ein letztes mal auf dieser Reise im Park. Wir sind uns sicher uns wieder zu begegnen. Über Fügung hatten wir auf der Reise einiges gelernt.

Ich war gespannt auf Zuhause, meine Familie. Ich hatte keinem etwas gesagt und würde einfach so wieder auftauchen, das passte zu meiner Reise. Aber zuvor hatte ich noch einen 10-stündigen Aufenthalt in Paris, welches ich mitten in der Nacht mithilfe meines Rollers recht ausgiebig erkundete und besuchte in Dortmund noch meine Cousine, bevor es endlich zurück nach Quedlinburg ging!

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