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Logbuch V

„Feliz Navidad“ Momentaufnahme

Es ist kurz nach zehn. Dies deutet zumindest mein Gefühl. Mein Telefon hat keinen Saft und auch der Portable Stromspeicher gibt nichts mehr her. Das ist natürlich nicht weiter problematisch, schließlich kenn' ich mich mittlerweile recht gut aus in Granada. Zuhause im Tal, bei den Höhlen, sind meine technischen Hilfsmittel nur selten in Gebrauch.

 

 Ich bin auf dem Weg zu der gelben Salon Bibliothek direkt am Fluss, in der Stadt. Dort kann ich in Ruhe arbeiten, sprich Bilder kategorisieren, recherchieren und eben dieses Logbuch schreiben. Nebenbei wird das Elektronische wieder aufgeladen. Es ist ein wunderbarer Morgen. Klarer, blauer Himmel – keine Wolke in Sicht und die aufsteigende Sonne erhitzt langsam die Umgebung. Im Schatten ist es noch klirrend kalt. Vor einigen Tagen hatte es auch mal wieder geregnet. Zum ersten Mal nehme ich eine dünne Eisschicht wahr, die sich in unserem Abspülbehälter gebildet hatte, als ich mich aus dem Tal schleiche. Noch ist es verhältnismäßig ruhig überall, nicht einmal das gewohnte Bellen der Hunde ist zu hören.


 

Den Start der neuen Arbeitswoche nehmen die Spanier gelassen wieder auf, wie immer. Die meisten arbeiten wohl im Tourismus oder in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. Insgesamt ist es eine sehr „junge“ Stadt, da die bis zu 80.000 Studenten der Universität Granada einen recht großen Teil der ca. 240.000 Einwohner ausmachen. Die Uni hat mehrere Campus in der Stadt verteilt, wovon ich mir einige bereits ansehen konnte. Meist sind es ein paar Hörsäle und eine Cafeteria, untergebracht in einem Gebäude, welches wie der Kreuzgang eines Klosters einen kleinen Innenhof, mit Bänken und dergleichen, umgibt. Diesen säumt ab dem ersten Stock ein Balkon-Rundgang. Solch gerade und logische Strukturen sind großteils auch im Straßenbild vorhanden. So findet man, nach einem Abstecher in parallele Sträßchen, nach „dreimal links“ gewöhnlich wieder auf die Hauptstraße. Im älteren Teil der Stadt verhält es sich jedoch anders, da viele verschlungene Wege zu öffentlichen Plätzen oder Wohnvierteln führen, die zudem des öfteren auch noch am Berg gelegen sind. Da wird es dann schon umso schwieriger sich zurecht zu finden. Ab und zu entpuppt sich eine Straße auch einmal als Sackgasse. Diese ist dann nur den Zugängen von Häusern oder der Hintertür eines Gasthauses gewidmet.

 

Abends hört das rege Treiben längst nicht auf! So gibt es die Touristen, die in den Bann des „marokkanischen Marktes“ gerissen werden, dort entweder Hippie-Kleidung und Schmuck von der Stange kaufen (was für ein Widerspruch) oder sich von geschickten Gastronomen ins Innere der Tavernen locken lassen. Diese versprechen ihnen einen Freundschaftspreis oder ein spezial Angebot bei großzügigem Konsum. Erwähnenswert ist jedoch wirklich das beliebte „Bier und Tapas“. So wird in wahrscheinlich jedem beliebigen Lokal Granadas zum Getränk ein Snack serviert, der teilweise wirklich satt machen kann! Dies soll eine granadische Spezialität sein, allerdings habe ich auch bereits in Valencia hausgemachtes Omelette zum Bier bekommen.

Und dann sind es sicherlich die Granadiner selbst, die sich ihren Weg durch die engen Gassen bahnen. Sie sind resistent gegen die Touristen-Spielchen und laufen zügig. Ich halte es eher wie sie, wenn ich beispielsweise auf dem Weg zum „Huerto de Carlos“ bin auf dem sich besonders Abends interessante, junge Menschen versammeln und gemeinsam Musik machen, ihre Jonglier-Künste zum Besten geben oder einfach gemütlich miteinander sitzen und erzählen. Dieser Platz liegt, mit einem schönen Blick auf den unteren Teil der Stadt, im ehemalig maurischen Viertel Albaicín welches dem UNESCO Weltkulturerbe angehört. Dort sind in einigen Bereichen auch Überreste der Stadtmauer aus dem 11. Jahrhundert zu sehen.

Zum UNESCO Weltkulturerbe gehört ebenfalls die sehr bekannte Alhambra, eine profane Ansammlung von Palästen, die dort zur islamisch-arabischen Zeit (Nasriden-Dynastie) im 13. und 14. Jahrhundert errichtet wurden. Das Innere dieser Paläste soll atemberaubend schön sein, für einen Eintritt von mindestens 14 Euro bei vorheriger Anmeldung, wird es für mich allerdings, trotz mehrfacher, ausdrücklicher Empfehlungen, beim Anblick von außen bleiben, der meines Erachtens jedoch lange nicht so beeindruckend sein wird. Von nahem ist der Anblick nämlich fast ein wenig ernüchternd, schaut man jedoch von einem gegenüberliegenden Hügel darauf, zum Beispiel im Licht der untergehenden Sonne, so wird daraus schon ein besonderer Moment. Gleichnamig dieser Anlage gibt es ortsansässig auch das Bier „Alhambra“, welches hier gerne getrunken wird und sogar in 1L-Glasflaschen erhältlich ist.

Sowohl im Albaicín als auch in Sacramonte, ebenfalls ein historisches Viertel Granadas, befinden sich inmitten der Häuser und Villen, zahlreiche kleinere und größere Kirchen und Kapellen.

Auf den Straßen wird viel Musik gemacht. Auch einige meiner Freunde im Tal und aus anderen Höhlen verdienen gelegentlich ein wenig Geld mit der Straßenmusik. Andere wiederum knüpfen aufwendige Makramee, malen Bilder oder Jonglieren an Straßenkreuzungen. Mir gefällt die alternative Szene und unter so vielen Kreativen fühle ich mich total wohl!

Auffällig im Straßenbild sind trotz der engen Gassen die vielen Fahrzeuge, die ständig unterwegs sind. Seit Frankreich mindestens, bin ich es gewohnt Roller um die Ecke schnellen zu sehen, beziehungsweise zügig von diesen überholt zu werden. Natürlich waren auch in Frankreich ungewohnt viele Autos in engen Einbahnsträßchen unterwegs, doch hier in Spanien und speziell in Granada ist es doch noch einmal stärker erlebbar. Es kommt mitunter vor, dass ich nicht mehr als ein fußbreites Stück Gehweg habe, auf das ich schnell flüchten kann, bevor das nächste Auto die Straße beansprucht. Viele Touris lassen sich in Taxen zu ihren Sehenswürdigkeiten, zurück zum Hotel oder zum Restaurant fahren. Das Übliche. Taxifahrer setzen hier sehr oft auf Hybrid-Fahrzeuge, somit ist kurioserweise nicht einmal ein Motorgeräusch zu vernehmen.

Auch die Anwohner fahren oft bis an die Haustüre. Fast jedes Haus hat in irgendeiner Form eine Garage. Auf den Straßen jedenfalls, stehen verhältnismäßig nur wenige Fahrzeuge. Auffällig viele Transporter a la „Camper“ parken spätestens zum Abend hin in einer der ruhigeren Straßen Granadas oder zum Teil auch versammelt an geeigneten Plätzen.

Linienbusse fahren im Kleinformat auch durch engere Straßen. Die spare ich mir allerdings nach wie vor und lege meine Strecken zu Fuß zurück. An manchen Tagen kommen dadurch einige Kilometer zusammen, aber daran habe ich mich gewöhnt und eigentlich tut es auch gut. Dafür gibt es zwischendurch mal Tage an denen ich meine Füße schonen kann.

 


Was gibt es noch zu erzählen? Vielleicht, dass es erstaunlich viele Apotheken und kleine Lebensmittel Geschäfte gibt. Das ist aber nicht sonderlich spannend. Habe ich stattdessen, durch meine wachsende Gewohnheit an diese Stadt, interessante Aspekte übergangen? Ich schreibe gerne einen Nachtrag. Lasst mich einfach wissen, falls euch zusätzlich noch etwas interessiert.


 Zu meiner Reise-Situation möchte noch gesagt sein, dass es mir überaus gut tut, auch gerade zum Jahresende hin, fest an einem Ort zu sein. Hier konnte ich im bereits sehr vertrauten Kreise schöne Weihnachten verbringen. Zu meiner Freude einmal ganz anders als jede Tradition, die ich bisher kennenlernen durfte. Fernab der konsumorientierten Beeinflussung der westlichen Weihnachts-Wirtschaft, war es für mich sehr interessant zu erkunden, was am Ende für ein Gefühl bleibt. Vermisse ich das laute, helle Klimbim in der Öffentlichkeit und die zum Überreiz gespielten Weihnachtslieder, die bereits Anfang November einsetzen? Fürs erste nicht. Ein wenig habe ich das „Feliz Navidad“ Getummel in der Stadt natürlich wahrgenommen nebenbei, jedoch gibt es auch keine Weihnachtsmärkte, wie es in Deutschland doch sehr üblich ist. Lediglich ein paar Stände und Zelte waren errichtet und ein paar Kinder-Attraktionen aufgebaut.

Mit unserem Weihnachtsessen am Lagerfeuer unter spanischem Himmel bin ich durchaus zufrieden. Gemeinsam hatten wir zuvor alles bereitet, anschließend gekocht und Mancher trug noch die ein oder andere Köstlichkeit oder Flasche Wein zum unkonventionellen Buffet bei. Sogar die Familie einer Belgierin war anwesend um uns Gesellschaft zu leisten. So war es wirklich ein schönes Fest, an dessen Ende mein Bauch mehr als voll war!

 

Diesen konnte ich während der nächsten Tage noch weiter füttern, mit feinem Gebäck und edler Schokolade, welche mir aus der Heimat gesendet wurden. Wärmend ist dabei nicht nur der Gedanke an meine liebe Mom, die sich mit ihrem Paket mal wieder selbst übertraf, sondern tatsächlich auch gute Wollkleidung und Socken die auch dabei waren! Außerdem bin ich nun endlich mit meinem Reisepass ausgestattet und somit in der Lage auch außerhalb der EU unterwegs zu sein.

 Ich bleibe länger als gedacht. Intensiv kann ich Erlebtes reflektieren, mein Jahr revue passieren lassen und dabei gespannt in die Zukunft blicken. Immer wieder kommen mir Ideen und ich verspüre auch wieder große Lust aufzubrechen, auf der anderen Seite ist es bei uns im Tal einfach super gemütlich! In der letzten Zeit habe ich an meiner Höhle einige Arbeiten vorgenommen und diese wohnhafter gestaltet. Hunderte Kilos Schutt und Steine habe ich zu einer großzügigen Terrasse im Hang aufgeschüttet und gleichzeitig den Zugang geebnet und einige Stufen angelegt. Trotzdem stelle man sich besser keinen Luxus vor, wie ihn einige Höhlenbewohner in der Umgebung über die Jahre erreicht haben. Jedoch ist das im Moment genau das richtige für mich!

 

Ich hoffe ich konnte euch nun einen guten Einblick geben, von dieser wunderbaren Stadt. Leider können es auch noch so viele Bilder nicht so beschreiben, wie es sich für mich anfühlt hier zu sein. Bis ich diesen Bericht nun fertig habe, ist einige Zeit vergangen, in der ich immer mal wieder noch Fotos gesammelt habe, um ein vollständigeres Bild zu schaffen. Oft habe ich mittlerweile allerdings meine Kamera nicht mehr dabei. Der Flair einer neu entdeckten Stadt verfliegt langsam, doch enthusiastisch finde ich selbstverständlich immer noch Ecken die ich zuvor noch nicht gesehen habe. Jedenfalls kann mein Vollständigkeitsanspruch über Granada zu berichten wahrscheinlich nur gestillt werden, indem ich appelliere euch selbst ein Bild zu machen, wenn es sich einmal ergibt.

Eins der Fotos sollte ich zu guter Letzt vielleicht noch erklären. Darauf zu sehen ist eine Zigeunerin, die eine ahnungslose Touristen am Handgelenk packt und erst wieder loslassen wird, wenn diese ihr ein paar Euro für ihr mickriges Sträußchen geben wird.

 

 

Euch wünsche ich hiermit einen angenehmen Jahreswechsel! Zeit für neue Ideen und Ziele.

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