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Logbuch IV

Von Granada der Hippihauptstadt Europas

Die erste Nacht in Granada verbringe ich im Hostel. Wie schon zuvor ist es wirklich schwierig so kurzfristig eine Couchsurfing-Möglichkeit zu finden. Eine Nacht ist jedoch zu verkraften und am nächsten Tag würde ich mich nach einer Alternative umsehen. Im Zimmer treffe ich einen verrückten Niederländer, der mir später im Frühstücksraum vor versammelter Runde unterstellt ein Trump Sympathisant zu sein. Aus irgendeinem Grund findet er Gefallen daran die Grenze des Witzes zu überschreiten und aus einem guten Gespräch, welches wir zuvor führten, wird in kürzester Zeit eine unbequeme Situation. Aber ich treffe auch auf Ruprecht aus Deutschland der mit seinem Fahrrad auf dem Weg in die Sahara ist! Dieses ambitiöse Idee gefällt mir gut und ich würde gern mehr erfahren, doch sowohl er als auch ich haben Pläne für den Tag und so wünschen wir uns gegenseitig eine gute Weiterreise. Ich werde dann wohl auf seinem Blog von den Abenteurern lesen, den er aber noch nicht angefangen hat.

Ich hinterlasse meinen Rucksack im Hostel und erkunde die unmittelbare Innenstadt. Dabei finde ich einen Weg in das teils trockene Flussbett. Eine ganze Weile laufe ich darin bis fast zum Stadtrand in Richtung der schneebedecktes Gebirge, auf Spanisch Sierra Nevada. Diese bilden im mächtigen Massiv das Rückgrat dieser Stadt. In Almeria reichen dessen Steilhänge sogar bis an die Mittelmeerküste. Wintersportler finden im Sierra Nevada  Europas wahrscheinlich südlichstes Skigebiet und auch Wanderer und Mountainbiker sind hier im Paradies. Außerdem befinden sich unter den Gipfeln etliche Dreitausender!


Auf dem Weg zurück ins Zentrum gehe ich auf zwei, offenkundig, Reisende zu und unterhalte mich mit ihnen. Agy, die ursprünglich aus Estland kommt und seit einigen Monaten unterwegs ist und Ireneuz, der ihr vor ein paar Tagen begegnet war, und außerdem seinen Hund Dragon bei sich hat, stammt aus Polen. Ich erzähle ihnen, dass ich von einem anarchistischen Nachbarschafts-Treff in einem der am längsten besetzen Orte Spaniens gehört habe (seit 1990) und gerade auf dem Weg dorthin sei. Sie beschließen mit mir zu gehen, denn auch sie haben noch keinen Platz für die Nacht.

Nachdem wir dort zwar herzlich aufgenommen werden, wird allerdings schnell klar, dass eine Übernachtung dort leider nicht möglich ist. So lernen wir jedoch ein paar Leute kennen, die sich versammelt haben um zusammen ein paar Zirkusaktivitäten zu üben. Und kochen dürfen wir dort auch!

Meine beiden neuen Weggefährten haben schon von den Höhlen Granadas gehört, welche auch durch weitere Informationen der Menschen dort im Squat (Hausbesetzung), zu unserem nächsten Ziel werden. Nachdem also auch ich mit meinem vollen Gepäck beladen bin, machen wir uns auf den Weg und landen nach einer Weile im alternativen Albaicín, dem Hippi-Viertel. Nach dem wir mit einer freundlichen Straßenmusikerin unsere Optionen evaluiert hatten wollen wir bei einem sehr bekannten Treff versuchen jemanden zu finden, der sich bei den Höhlen auskennt.

Auf magische Weise begegnen wir kurz darauf in einer vollen, bunten Straße Rybi, der uns mitnimmt. Er wohnt mit einem Freund in einer der besagten Höhlen neben vielen anderen tollen Menschen. Er war gerade mit seinem Einrad unterwegs gewesen, um noch etwas zu erledigen, entscheidet dann aber uns direkt zu helfen.

Wow, was für ein Glück wir doch haben! Da es auch schon sehr spät ist, sind wir sichtlich erleichtert. So folgen wir ihm stetig auf der Straße, die aus der Stadt heraus führt, Richtung Wald.

Nachdem er sich im Englischen wieder aufgewärmt hat, hier spricht er nämlich entweder seine Muttersprache Französisch oder eben Spanisch, können wir auch gut miteinander kommunizieren. Er kommt aus Belgien und verbringt zusammen mit ein paar Freunden den Winter hier in Südspanien. Einige von ihnen lernen wir direkt kennen, als wir in der ersten Höhle ankommen. Wir bekommen Tee und Essen angeboten und verbringen in ihrem gemütlichen Heim eine ganze Weile im Gespräch.

Kurz vor Mitternacht gehen wir dann noch ein Stück weiter ins Tal, zu Rybis Höhle. Er möchte uns freundlicherweise Weise bei sich unterbringen. Wie auch schon zuvor sagt er auf lässige Weise wir hätten es bald geschafft, nur noch ein paar Minuten Weg lägen vor uns. Mit einem Mal fühle ich mich einem Hobbit gleich, der sich ordentlich mit Gepäck beladen, mühevoll durchs Auenland der Tolkien-Werke quält. Aber es ist wunderschön! Die kleinen Höhleneingänge links und rechts am Wegesrand wirken friedlich.


Die Idylle können wir in vollem Maße erst am nächsten Morgen bestaunen, als wir bestens ausgeschlafen aus der Höhle treten. Wir lernen die anderen Bewohner nach und nach kennen, unter anderem treffen wir die Straßenmusikerin vom Vorabend wieder(!), und fühlen uns wirklich wohl hier. Sogar so sehr, dass wir, mit der Einverständnis der Menschen die hier leben, entscheiden für einige Zeit zu bleiben! Ireneuz, der schon ein einige Jahre auf Reisen ist, beschließt sogar nach ein paar Tagen, hier in Granada zu überwintern und wird sich in einer der freien Höhlen einrichten, und das obwohl er gewöhnlich nicht soweit vorausplant.

 

Für mich ist klar, dass ich nicht allzu lange bleiben werde, aber dennoch ist es mir wichtig, diesen Ort etwas genauer wahrzunehmen. Mir gefällt die Dualität des Lebens in der Natur, und der Nähe zur Stadt, in der wir Einkaufen, Wasser holen, Duschen können. Es herrscht eine angenehme Atmosphäre in der Community, in welcher wir uns angeregt unterhalten, schweigen oder Musik machen können, zusammen Kochen oder gemeinsam am weiteren Ausbau der Höhlen arbeiten. Seit unserer zweiten Nacht hier habe ich in einer der leerstehenden Höhlen im Hang mein Lager errichtet und fühle mich sehr wohl darin. Es ist wirklich ein schöner Ort, um mich für eine Weile auf das Wesentliche zu besinnen und interessante Leute kennen zu lernen. Tagsüber bin ich oftmals in der Stadt unterwegs oder aber verbringe Mal einen Tag mit meinem Buch auf dem sonnigen Berghang, je nach Lust und Laune.

 

Aus Respekt zu meinen Mitmenschen, die in den Höhlen für einige Zeit lang ihr Zuhause gefunden haben, hole ich meine Kamera nur sehr selten hervor, um einen besonderen Moment einzufangen. So wird dieses einmalige Erlebnis weitestgehend in meiner Erinnerung am Leben bleiben. Nähere Details werde ich auch nur im Persönlichen berichten.

Zwischendurch huscht immer mal ein Gedanke durch meinen Kopf, wie die Reise weitergehen könnte, doch wirklich planen werde ich auch weiterhin nicht. Zum Jahreswechsel könnte ich also bereits aus Spanien ausgereist sein oder aber mich noch auf einer Tour durch Andalusien befinden.

Im nächsten Logbuch erzähle ich euch, eventuell auch noch mit einigen Bildern, etwas mehr über die siebeneinhalb-hundert Meter über dem Meeresspiegel liegende, mit arabischen Einflüssen versetzte, andalusische Stadt Granada. 


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