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Logbuch III

Eine Woche Valencia und Schritte Richtung Sierra Nevada

Valencia, eine wirklich schöne Stadt an der Mittelmeer-Küste Spaniens, zeigt sich mir während meiner Woche dort von den unterschiedlichsten Seiten. Ich passe mich dem spürbar entspanntem Puls der Stadt an und überstürze dabei nichts. Ich erkunde den im ehemaligen Flussbett angelegten Park, welcher als grüner Gürtel durch die ganze Stadt mäandert. Dort finden sich etliche Spielplätze, Sportanlagen, Museen und dergleichen! Ein wirklich breites Angebot für alle, innerhalb der drittgrößten Stadt Spaniens. Es besteht die Möglichkeit, kilometerlang ungestört zu laufen. Zum Zwecke des Sports sind in regelmäßigen Abständen auf einem bestimmten Weg Entfernungstafeln eingerichtet und Trinkbrunnen.

Weiterhin befindet sich Richtung Ende der Parkanlage, fast schon am Hafen, die sogenannte „City of Science“, ein kultureller Unterhaltungskomplex, bestehend aus monumentalen Bauten, der Architekten Santiago Calatrava und Félix Candela. In einem der Gebäude finden zum Beispiel ein Planetarium, Laserium, Museen und ein großes Kino Platz. In einem anderen gibt es das Ozeanographische Aquarium zu betrachten.

Das Gesamtbild wirkt zwar fast ein bisschen überhäuft, als wollte man der Stadt zwangsweise ein Wahrzeichen verpassen, doch im Einzelnen beeindrucken mich die Bauwerke, unter denen sich auch eine majestätische Brücke befindet, ohne Frage!


Bevor ich mich von Benji und den Mädchen am Abend verabschiede, erzähle ich ihnen noch von der Dach-Terrasse, die ich in ihrem Haus entdeckt habe, von der aber keiner der Bewohner aus der WG im 2. Stock etwas wusste. Sie hatten sich schlicht noch nicht für die oberen Stockwerke interessiert, sind nun aber um einen neuen Platz zum Chillen reicher. Mich hatte der alte Aufzug zu einer kleinen Entdeckungstour gereizt und ehrlich gesagt hielt ich auch schon nach einer Tür oder Luke Ausschau. Die Spanier nutzen nämlich häufig die Fläche des Daches zum Sitzen, Wäsche aufhängen oder als Stauraum, gerade in den Städten, wo der Platz knapp bemessen ist.

 

Die Taxifahrer streiken in der Stadt, zumindest einige. Und vorbeifahrende, die sich einen Ausfall nicht leisten können, hupen zustimmend. Sie demonstrieren gegen die Ungerechtigkeit, die ihnen gegenüber neuen, riesigen Unternehmen, wie „Uber“ und „Cabify“, zuteil wird. Diese zahlen laut ihnen nicht ansatzweise so viel wie die traditionellen Einzelunternehmer. Hierbei beläuft es sich auf Steuern und möglicherweise Platzgebühren, die für sie sehr hoch sind.

Im Zentrum bestaune ich noch die große Markthalle, in der vorwiegend frische Köstlichkeiten zum Verkauf stehen, aber auch Nüsse, Gewürze und Wein. Und ich erklimme eine Wehranlage aus dem Mittelalter, die für ein faires Eintrittsgeld ihre historischen Mauern öffnet und von ganz oben einen einmaligen Ausblick freigibt.


Der erste Regen fällt, seit dem Anfang meiner Reise. Das ist hier wohl auch dringend nötig, denn es hat bereits seit mehr als einem Monat nicht geregnet. Dennoch habe ich das nasse Wetter nicht vermisst, welches ich seit dem Anfang meiner Reise hinter mir gelassen hatte.

An jenem Abend habe ich mich mit Pau, meinem Gastgeber, während meiner letzten Tage in Valencia, in einer Bar verabredet. Dort ist es sehr gemütlich, wir stoßen mit besonderem Bier an und essen hausgemachtes Omelette. Es kommt noch eine Freundin von ihm dazu, die gerade von einer Südost-Asien Reise zurück kommt, und auch bei ihm übernachten wird. In der Bar begegnet mir noch ein Belgier namens Stephan.Wir unterhalten uns kurz, unter anderem über gemeinsame und unterschiedliche Bedeutungen von Redewendungen im Deutschen, beziehungsweise Flämischen. Eine Sache findet er ganz besonders lustig und berichtet es direkt einem langjährigen Musikerkumpel am Telefon, den er oftmals nur wegen eines Witzes anbellt. Bellen steht im Flämischen nämlich für anrufen! :)

Als wir uns dann zu dritt auf den Heimweg begeben, stelle ich mir schon vor, wie meine erste Nacht auf einem Boot sein würde. Pau hatte nämlich ein kleines Segelboot, welches hier in Valencia gut versorgt im Hafen liegt, vor einem Monat erstanden und wohnt nun darin. Im Inneren liegen einige Werkzeuge, mit denen er das Boot repariert. Es ist wirklich klein und schön, wir finden alle gut Platz. Ich bekomme sogar eine eigene Kajüte zur Verfügung gestellt! Ganz in der Spitze des Boots schaukeln mich dann die Wellen und das Trommeln des Regens in den Schlaf.

 

Der folgende Tag hat im Großen und Ganzen nicht viel mehr als Regen für mich zu bieten. Nagut, ein paar trainierende Zirkusathleten bekomme ich auch noch zu Gesicht und beobachte einige Zeit lang gespannt ihr Können.

Später bin ich am Strand, überbrücke die Siesta der ersten Bibliothek mit einem schlendernden Spaziergang, um darauf, über Umwege durch niedliche urbane Gärten, in die nächste Bibliothek zu flüchten. Dort sitze ich noch eine Weile und lese, bis auch diese schließt. Langsam begebe ich mich zurück zum Boot, kaufe unterwegs noch ein und genieße für einen Augenblick, von einer Anhöhe aus, den Blick über den nächtlichen Hafen.

Pau erlaubt mir, sowohl an diesem Abend, als auch am folgenden Tag, das Boot zu betreten und zu verlassen wie es mir passt. Dieses entgegengebrachte Vertrauen schätze ich sehr und bin ihm für dieses einzigartige Erlebnis insgesamt enorm dankbar!

 

Der nächste Tag stellt sich als geradezu unerfolgreich heraus, da es mir nicht gelingt, per Anhalter die Stadt zu verlassen. So beschließe ich zähneknirschend, es erst am nächsten Morgen, ausgeruht, wieder aufzunehmen. In dieser Nacht kampiere ich hinter einem heruntergekommen und vermüllten Haus, in einer verarmten Gegend. Aber wer hätte gedacht, dass ich inmitten einer solchen Großstadt den perfekten Platz zum übernachten finde! Kleinbauern haben dort ihre Felder und Hütten und die etlichen „Müllpiraten“ der Stadt ihre Lager. Das soll bitte in keiner Weise abwertend klingen. Es gibt einfach viele, die mit einem Fahrrad oder einem Einkaufswagen in der Stadt auf Rohstoff-Suche unterwegs sind, um sich dadurch dann ein paar Groschen zu verdienen. Ich habe schon die skurrilsten Dinge auf ihren Transportmitteln entdeckt, wie zum Beispiel die Rahmen alter Zugfenster, fette Bücher oder Gerüst-Material, einfach alles. Dies war mir auch in Barcelona aufgefallen.


Als mich meine nächsten Mitfahrgelegenheiten, durch einen Mann aus Mali und anschließend einer Studentin aus Bolivien, an einem Nachmittag bis Murcia bringen, habe ich die Reise, nach gut einer Woche, wieder aufgenommen. In Murcia darf ich bei Maike, einer Medizin Studentin aus Dresden unterkommen, die sich selbst am nächsten Morgen auf Reisen begibt.

Im Laufen sehe ich am nächsten Vormittag sogar noch etwas von der Stadt, betrachte es allerdings eher als einen wirklich schönen Zwischenstopp. Heute steht Granada auf meinem Schild. Schon viel habe ich von dieser Stadt gehört. Mein Besuch dort hat allerdings noch etwas Zeit.

Unterwegs treffe ich Pedro und Marina, die mich ein Stück mitnehmen wollen. Bei ihnen darf ich dann sogar zelten. Marina lebt mit ihrer Familie und Pedro, den sie schon viele Jahre lang kennt, in einem Höhlenhaus. Zwar haben sie von ihrem Zimmer aus eine wundervolle Aussicht auf das Flussbett und den Berg mit der Burg, doch liegt auch ein Teil der Wohnung im dunklen Hang. Die Küche und einige Räume können nur durch elektrisches Licht erleuchtet werden. Apropos Elektrizität, als am Abend der Strom mehrere Male ausfällt, klärt mich Marinas Onkel lachend auf: „typisch Spanien“. Denn wird das festgelegte Limit überschritten, springt einfach die Sicherung heraus, ein interessantes Erlebnis. Natürlich ist der Strom wichtig für die Menschen hier wie anderorts auch, als viert teuerstes Land für Strom in Europa allerdings, gilt es in Spanien sparsam damit umzugehen. Geheizt wird mit kleinen portablen Gasöfen, die mit handelsüblichen, Tanks betrieben werden.

 

Am Abend feiert Marina in der „besten Bar“ des Dorfes in ihren Geburtstag hinein. Ihr sehr sympathischer Freundeskreis sorgt für gute Stimmung, viele fragen mich unter anderem nach meiner Reise und es wird fleißig eingeschenkt. Das erste Mal erlebe ich es, der Einzige zu sein der weder viel spanisch versteht, noch dieses beherrscht, denn auch ein Argentinier, der sich mit mir zu verständigen versucht, spricht quasi nur Spanisch. Aber Englisch sprechen zum Glück dennoch viele, doch nicht alle trauen sich. Mir wird vermittelt, dass es hier die besten Menschen gäbe und so keine andere spanische Stadt mehr besuchen müsse. 

Die Leute meinen es gut und es findet sich direkt noch jemand, der mich am Montag bis nach Granada mitnehmen wird! Benitez arbeitet dort und kommt nur am Wochenende in sein Heimatdorf Puerto Lumbreras. Dessen Bedeutung, grob übersetzt, Hafen und Schläue entspricht. Beides sei in Puerto Lumbreras nicht zu finden, sagt er mir im Spass. 

Zuvor hatte ich die Zeit des Sonnenuntergangs auf einem Berghang, über dem Dorf, verbracht. Von dort aus hatte ich gute Sicht, unter anderem über das gigantische ausgetrocknete Flussbett, welches zuletzt vor knapp fünf Jahren zum letzten Mal Wasser geführt hatte. Es ist schlicht eine sehr trockene Gegend, in der es auch nur äußerst selten zu Regen, geschweige denn Schnee kommt. Kalt wird es dennoch ziemlich, in der Nacht sinkt die Temperatur auf ca. 1° C, doch in meinem Schlafsack habe ich es warm!

 

Es ist Wochenende und ich nutze den Sonntag Vormittag zum Waschen meiner Kleidung. In der Mittagssonne ist diese auch im Nu getrocknet, wirklich erstaunlich! Tagsüber wird es hier in der bergigen Region zurzeit nämlich immerhin 12° C. In aller Frühe baue ich mein Lager ab, packe meinen Rucksack und verabschiede mich von Marina und Pedro, die mich so liebevoll in ihrem Zuhause aufgenommen hatten. Später werden sie zur Arbeit fahren, die Olivenernte steht an. Bis zum Ende der Woche möchte Pedro noch 500kg einbringen, da der Mindestbetrag für die Ölmühle 800kg beträgt.


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