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Logbuch II

Marseille, Barcelona, Valencia - Durch die Provence nach Spanien.

Aus Lyon zu trampen stellt sich als einfacher heraus, als gedacht. Zwei junge Männer, die gerade auf dem Weg zu einer Baustelle sind, nehmen mich ein gutes Stück mit. Während des nächsten Stopps treffe ich eine nette Tramperin, die aus Marseille kommt und gerade nach Lyon möchte. Sie meint, es sei wirklich einfacher in Richtung Süden mitfahren zu wollen. Da habe ich wirklich Glück. Und nicht nur damit, das Wetter ist perfekt!

Schon am frühen Nachmittag erreiche ich Marseille. Mit meinem Gepäck kann ich mich nur eingeschränkt in der Stadt bewegen und so suche ich mir regelmäßig einen Platz zum Verweilen. Dann folgt normalerweise die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Das ist immer so spontan nicht ganz einfach. In Marseille nimmt mich für die ersten beiden Nächte Rima auf. Sie lebt seit sieben Jahren in der Stadt, und kommt ursprünglich aus Marokko. Sie hatte Informatik und anschließend Logistik studiert, arbeitet nun aber als professionelles Model. Wir verstehen uns direkt sehr gut, obwohl sie einige Jahre älter ist, oder gerade deswegen. Noch am selben Abend treffen wir uns noch mit Leuten aus Spanien, Italien, Russland, Kasachstan und natürlich Frankreich und klappern ein paar Bars ab, in Marseilles alternativem Viertel. Als wir schließlich in einer unterirdischen Karaoke-Bar landen, in der auch gute Stimmung ist, werde ich langsam müde. Dass in dem ohnehin recht kleinen Raum geraucht wird, finde ich unmöglich. Ich freue mich nur noch auf das weiche Bett, welches mich erwartet!

 

Ein neuer Tag beginnt und ich nutze diesen in voller Länge aus, um mir ein Bild von der Stadt zu verschaffen. Auf den Hinweis Fernandos hin, den ich am Abend zuvor traf, und der auch zwischendurch deutsch mit mir sprach, da er zwei Jahre lang in Augsburg gelebt hatte, leihe ich mir ein Stadt-Fahrrad. Dies ist relativ einfach, es wird lediglich eine Kaution vorgemerkt. Weiterhin bleibt das Ganze auch kostenlos, solange die Nutzung eine halbe Stunde nicht überschreitet. So stelle ich mir jedes Mal einen Timer, der mich rechtzeitig daran erinnert, das Fahrrad auszutauschen. Dies klappt super und so bin ich während meiner Zeit in Marseille sehr flott unterwegs und sehe wirklich viel von der Stadt! Dabei führen meine Wege durch die historische Altstadt, an den alten Hafen, zu einem Berg auf dem wieder eine eindrucksvolle Kirche ihren Platz hat, bis hin zum Strand, der sich bis ans äußerste Ende der Stadt und darüber hinaus zieht. In Marseille sehe ich die ersten Palmen, die mir bestätigen, im Süden zu sein und mich dabei noch einmal leichter fühlen lassen.

 

Nach einem wunderbaren Tag an der Küste beschließe ich, nicht mit dem Fahrrad zurück zu fahren. Der Wind hatte zuvor die meiste Arbeit geleistet, der an diesem Tag wirklich enorm ist, und so wäre der Rückweg eine einzige Plackerei. Also stelle ich mich an die Straße, die zurück nach Marseille führt, und halte wie gewohnt meinen Daumen hoch. Plötzlich hält ein Motorrad neben mir an, welchem meine Anfrage vorerst nicht golt, und darauf sitzt Thomas! Ihn hatte ich am Abend zuvor kennengelernt. Als er mich kurzerhand auf sein Motorrad, eine 40-jährige Honda Maschine, einlädt, bin ich vor Freude kaum zu halten. Tatsächlich ist es mein erstes Mal, mit einem Motorrad eine längere Strecke zu fahren.

Durch den Sonnenuntergang bildet sich ein dunkelroter, leuchtender Streifen am Horizont, welcher die bereits dunkle Küste mit einen warmen Akzent unterstreicht. Während wir uns, nach schnellen Kurven durch den zähen Stadtverkehr schlängeln, erzählt mir Thomas, er habe soeben mit den Frauen, aus Peru und Indonesien, einen Kaffee getrunken, die wir auch vom Abend zuvor kannten! Sowohl sie, als auch mich, trifft er an diesem Tag per Zufall wieder! Thomas hatte mich zwar zu einem Radrennen in einer benachbarten Stadt eingeladen, die Pläne hatten sich jedoch geändert und so rechneten wir wirklich nicht damit, uns noch einmal zu begegnen.

 

Im Gleichgewicht zu meinen ereignisreichen Tagen in Marseille, an denen ich mir ausgiebig Zeit alleine nehme, mich umzusehen, ist an den Abenden und Nächten ebenfalls immer etwas los und ich treffe viele interessante Leute!

Für die letzte Übernachtung bietet mir Martina aus Italien, ihre Couch. Sie mag ich auch wirklich gerne und freue mich schon, Ihr einmal in Rom einen Besuch abzustatten.


Ich stelle für mich fest, dass Städte die einen direkten Zugang zum Wasser haben, besonders sympathisch auf mich wirken. Sei es nun das Meer oder ein gewaltiger Fluss. Seit jeher wurden Siedlungen ja bekanntlich am Wasser, der wesentlichen Bedingung für Leben, errichtet.

 

In einem kleinen Ort namens Sausset-les-Pins, nicht weit von Marseille, finde ich Unterschlupf, bevor es richtig "weiter geht". Aber wie es dazu kam!

Es ist bereits dunkel und noch immer bin ich nicht aus Marseille losgekommen. Ein etwas später Aufbruch und sehr unpraktisch gelegene Auswärts-Straßen hatten dazu beigetragen. Ich werde ideenlos, friere, habe schon einige Male Ort und Strategie gewechselt und bin fast dabei umzukehren. Keiner ist bereit mich an diesem Abend mitzunehmen, geschweige denn mitten im Verkehr irgendwo anzuhalten. An einer Ampel spreche ich Patricia an, die mir gegenüber sehr aufgeschlossen ist und mich ohne zu zögern einsteigen lässt. Sie erkundigt sich nach meinem Plan und entscheidet sofort, ihr Gästezimmer für mich bereitzustellen. Zuhause angekommen, essen wir zu Abend, gemeinsam mit Max, ihrem Mann. Sie sind so lieb und behandeln mich fast wie einen ihrer Söhne!

Patricia ist der Meinung, Max spreche besseres Englisch als sie. Wir verständigen uns gut. Beide sind sich einig, dass wir als Europäer etwas gemeinsam haben und sind dabei von der Internationalität, die wir heutzutage erleben dürfen, begeistert. Sie erzählen mir von der niederländischen Freundin ihres Sohnes, der hobbymäßig chinesische Rockbands managt. Und sie wollen, in einigen Jahren, wenn sie dann mehr Zeit haben, auch selber noch viel Reisen!

Mit Max unterhalte ich mich noch über seine Arbeit als Bauingenieur. Sehr spannende, riesige Projekte kommen ständig auf ihn zu und das sogar ohne Internetpräsenz. Er arbeitet seit einiger Zeit lieber selbständig und ist mit seinem Job sehr zufrieden.

 

Am nächsten Morgen verabschiede ich mich von Patricia, die wieder ihrer Arbeit als Assistenzärztin nachgeht und ein wenig später fährt mich Max einige Kilometer aus dem Dorf heraus, an eine gut gelegene Tankstelle. Er wünscht mir eine gute Reise und sieht mich noch in das nächste Auto steigen.

Ein paar Etappen weiter werde ich an einer Mautstation von einem Mann, der ursprünglich aus Algerien kommt mitgenommen. Er gibt an, mich bis Barcelona mitnehmen zu können. Das war mein Ziel für diesen Tag. Nicht lange dauert es, da fühle ich mich in seinem Auto äußerst unwohl. Lässig, rauchend, mit nur einer Hand am Steuer überschreitet er von Zeit zu Zeit die 200 auf dem Tacho. Ein richtiger Raser, einen wie ich ihn bislang nur aus der zurückbleibenden Perspektive erlebt hatte.

Der dröhnende Bass macht das Ganze nicht besser, aber ich stelle mir vor, wie diese Kombination sein Gefühl für das hohe Risiko mindert. Ein ganzes Stück fahren wir hinter einem Polizei-Wagen her, mit diesem Tempo kann ich leben. Kaum zweigt dieser allerdings ab, gilt es einmal mehr den Zeitplan meines Fahrers zu schaffen. Er ist bereits jetzt zu spät. Zwar verfliegt die Zeit nur sehr langsam, doch im Nu sind wir schon in Spanien und ich freue mich schon auf die wärmende Sonne, wenn ich endlich aussteigen darf. Ich lasse mich eine normale Autostunde von Barcelona absetzen. Hätte der Fahrer so feuchte Hände wie ich, oder wäre nur für einen Moment erschrocken oder abgelenkt, so wäre es für uns beide auf der kurvigen, spanischen Straße vorbei gewesen!

 

Nach einer ausgiebigen Mittagspause, in der ich mich von meiner nicht zu leugnenden Panik erholt hatte, nehme ich den Weg nach Barcelona wieder auf. Ich darf bei ein paar netten Leuten mitfahren, die noch genau einen Platz haben. In Barcelona angekommen, kauft mir der Mann, der im Auto neben mir saß, ein Ticket, welches für meinen gesamten Aufenthalt in der Stadt reichen sollte!

Die erste Nacht verbringe ich im Hostel. Es ist interessant, unter anderem lerne ich Leute aus Braunschweig kennen und einen Weltreisenden, aus Argentinien, dessen Reise in Barcelona ein Ende nimmt. Wirklich gut gefällt es mir im Hostel allerdings nicht, und für mich ist so etwas mit Sicherheit auch nur eine Notlösung. Also freue ich mich sehr, die nächsten beiden Nächte bei Alex aus Deutschland unterkommen zu können! Er studiert im Rahmen des Erasmus-Programms ein Trimester lang hier in Barcelona und wird noch bis Weihnachten bleiben.

 

Dass die Stadt die bisher größte auf meiner Reise ist, macht sich bei mir bemerkbar. Alles wirkt ein bisschen anonymer und es ist nicht möglich, nur zu Fuß unterwegs zu sein, und dabei sich noch umzusehen! Zum Glück kann ich mit meinem Ticket die Metro nutzen und fahre auch einmal gegen Abend mit dem Bus auf einen Berg. Dort versammeln sich Abends bei den Ruinen eines Bunkers viele Menschen um den Sonnenuntergang und das Panorama über Barcelona zu genießen. Der Bunker hatte im spanischen Bürgerkrieg seinen Zweck zu erfüllen. Zuvor war ich schon auf einem anderen Hügel gewesen, der mir ebenfalls eine geniale Aussicht bot.

An einem anderen Nachmittag spaziere ich durch den hellen Sand an Barcelonas Strand. Jede Ecke hält jemanden bereit, der einem etwas verkaufen möchte. Oft sind es Getränke, aber auch Massagen oder Accessoires. Ein interessantes Verhalten legen  definitiv auch die Straßenhändler an den Tag, die ihre Ware gekonnt auf einem riesigen Tuch drapieren und sobald die Polizei auftaucht, sie dieses hoch nehmen und sich als enormes Bündel, über die Schulter hängen. So stehen sie dann an Ort und Stelle, bereit loszulaufen und warten die brenzlige Situation ab.

Am letzten Abend nimmt mich Alex zu einer gemütlichen Geburtstagsfeier in eine Bar mit. Das Geburtstagskind und einige ihrer Freunde studieren ebenfalls für eine gewisse Zeit im Ausland. Sogar Gäste aus Deutschland sind anwesend, aber ebenfalls Leute von hier.


Als ich dann entscheide weiterzureisen, fahre ich mit der Metro bis ans Ende der Stadt und werde von dort aus in eine dörfliche Region mit Strand gefahren. Ich Zelte direkt am Wasser und habe seit längerem mal wieder eine schöne Nacht im Freien, alleine.

Es ist Samstag Morgen, nachdem ich zusammengepackt habe, laufe ich los. Ein Polizist grüßt mich und rät mir zur Vorsicht, ganz allgemein. Die Auffahrt, an der ich stehe ist nicht optimal, doch nach einiger Zeit nimmt mich eine Spanierin mit, die mir anbietet mich bis Valencia zu fahren. Dort möchte ich hin! Groß unterhalten können wir uns, aufgrund der Sprachbarriere, während der Fahrt nicht.

In Valencia angekommen, orientiere ich mich kurz und treffe direkt auf Benji aus Hollywood. Nach einem Smalltalk und Nummerntausch gehen wir erst einmal unseres Weges. Später komme ich auf ihn zurück, denn er ist wirklich ein entspannter Zeitgenosse und hatte mir auch direkt einen Schlafplatz angeboten! Er studiert hier für einige Zeit und lebt sehr zentral gelegen, mit ein paar netten Mitbewohnerinnen zusammen. Auf dem Weg zu seinem Apartment begegne ich noch Antje und Dennis, die über Umwege zu Fuß von Bielefeld nach Valencia gelangt sind und hier auf der Straße leben. Ihnen ist unterwegs viel Unglück widerfahren, doch so direkt wirken sie glücklich und scheinen in ihrem Leben alles zu haben, was sie benötigen. Ein Hund, der ihnen „mal kurz“ zum aufpassen gegeben wurde, ist ebenfalls dabei. Sie schenken mir noch eine Tüte Croissants, die sie nicht benötigen, und lassen mich wissen, wo ich sie finden kann, sollte ich während meiner Zeit hier Hilfe benötigen.


Anekdote im Nachtrag: Im ziemlich verzweigten U-Bahn Netz Barcelonas ist es scheinbar besonders gefährlich, während man sich unwissend versucht zu orientieren, Taschendieben zum Opfer zu fallen. Ich hörte von den gewieftesten Tricks, als ich mich mit Alex auf die Bahn wartend unterhielt, als plötzlich, energisch auf mich einredend, ein Mann Ende vierzig auf mich zugelaufen kam, Gesten in Richtung meines Gepäcks machte und mir beweisend ein Zertifikat vors Gesicht hielt, welches bestätigen sollte, dass er der Polizei angehörte. Ungläubig zögerte ich mein Handeln hinaus und suchte den Bahnsteig mit meinen Augen bereits nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Sein Hemd hebend offenbarte mir der Mann eine Pistole, die locker im Hosenbund steckte. Ich fühlte mich unwohl, was für eine ungewöhliche Situation! Doch dann halfen die Frauen neben uns dabei, die Lage zu interpretieren. Besagter Mann war tatsächlich ein Polizist, der "undercover" gegen die vielen Verbrechen in der Stadt und eben auch in den Bereichen Metrostationen vorgeht. Er forderte mich dazu auf, meinen Rucksack auf Vollständigkeit zu überprüfen , während die mutmaßlichen Täter, die er im Schlepptau hatte, vehement abstritten in irgendeiner Weise beteiligt zu sein. Mir fehlte nichts, insofern ich dies in der Hektik feststellen konnte und die Situation entspannte sich wieder. So konnte es mit einer freundlichen Warnung im Gedächtnis weiter gehen.


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Kommentare: 1
  • #1

    Philip (Donnerstag, 30 November 2017 00:07)

    Wahnsinn was du so erlebst, ich freue mich sehr, dass bislang alles recht reibungslos verlaufen ist und du in einem flüssigen Schwung bis nach Spanien gekommen bist. Mich freut es immer etwas Neues über deine Abenteuer zu lesen. Ich wünsche dir noch viele, viele tolle Begegnungen, so wie die Bisherigen.
    Mal sehen an welches Ufer die Wellen des Schicksals dich noch spülen werden :)

    Ganz liebe Grüße
    Philip