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Logbuch I

Vom Harz bis nach Frankreich

Meine Reise beginnt. Ich laufe aus der Stadt heraus, schwer beladen, was sich direkt bemerkbar macht, komme ich schließlich am Rastplatz an. Von dort aus möchte ich aus Quedlinburg abfahren. Meine erste Mitfahrgelegenheit erlange ich durch einen LKW-Fahrer, der auch an diesem Dienstag, wie an jedem anderen Tag, 30t Sand aus der heimatlichen Sandgrube nach Kassel fährt. Ein Zufall, aber eine Freude beiderseits, die Fahrt nach Göttingen miteinander teilen zu können. Durch einen weiteren Lift gelange ich ins Stadtzentrum und treffe dort Marie und Joscha, die es schon seit einiger Zeit zu besuchen gilt. Ihre Wohnung ist durch und durch ein gemütliches Heim und bietet mir sogar mit eigenem Zimmer den perfekten ersten Schlafplatz!

 

Wieder auf der Straße starte ich den nächsten Tag mit einem Anschwung durch Joscha, der mich zu einer geeigneten Stelle fährt, die es deutlich einfacher für mich gestaltet Richtung Kassel weiter zu trampen, denn dies ist mein Ziel für diesen Mittwoch.

An sich geht alles sehr flott, doch direkt in die Stadt zu kommen stellt sich als sehr schwierig heraus und ich muss lange Zeit warten, bis mich ein netter junger Herr bis ins Stadtinnere fährt. Dort angekommen ist mein erstes Ziel eine Bibliothek, diese werden auf meiner Reise noch so manchen Anlaufpunkt ausmachen, denn sie bietet mir einen warmen Platz zum verweilen. Es ist erst kurz nach Mittag.

 

Mit frischer Energie begebe ich mich auf den Weg, meinen Cousin Tommy zu treffen, bei dem ich die nächsten drei Nächte verbringen werde. Sowohl seine WG als auch die von Paul, den ich ebenfalls während meiner Zeit in Kassel besuche, sind sehr gemütlich und lassen mich besonders aufgehoben fühlen. Diese Freundschaften, die mir in Deutschland noch einen sanften Start ermöglichen, weiß ich sehr zu schätzen, denn nachdem ich in der Nähe von Frankfurt eine recht kalte Nacht im Zelt hinter einer gut gelegenen Raststelle verbringe, führt mich ein interessanter Weg nach Karlsruhe. Dort erlebe ich noch einmal die Geborgenheit einer gemütlichen WG, der von Aike, bevor mich mein Weg am nächsten Tag durch einen glücklichen Umstand bis nach Frankreich führt.

 

Eine in der Schweiz lebende, russische Frau lässt sich an einer Raststätte kurz vor Baden Baden von mir erweichen mich bis Freiburg mitzunehmen, doch ihr Navi führt sie wie von Geisterhand durch Frankreich, was sie nach dessen Angaben schneller Richtung Basel bringen sollte.

Für mich bedeutet es direkt in Frankreich zu landen, ohne größere Umstände. Ihre Tochter im Kindergartenalter und ich verstehen uns gut. Sie ist wirklich süß und darauf aus, sich hinter dem Sitz vor mir zu verstecken.

 

Von einem gewöhnlichen Kreisverkehr, unmittelbar vor der nächsten Autobahn Richtung Mulhouse nimmt mich Nicolas in seinem Citroën auf und bietet mir kurzerhand an in seinem Haus zu übernachten. Wenig später kommen wir in seinem Dorf namens Lautenbach-Zell an. Ich bewundere sein selbst erbautes, bescheidenes Heim. Nicolas kommt mit dem Wesentlichen in diesem Leben aus, und hat meiner Meinung nach eine sehr vertraute Lebensphilosophie, die mich in ihrer Simplizität durchaus fasziniert und mit einer Leichtigkeit in ein spannendes Gespräch führt. Zusammengefasst verbringen wir zwanglos einen gemütlichen Abend, an dem ich so oft eine Frage zu seinem Haus oder dessen Einrichtung einwerfe. Die Pfeifensammlung und das Fliegenfischen gehören, neben dem Haus, in seiner kurz bemessenen Freizeit ebenfalls zu seinen Hobbies.

 

Wir reden auf Deutsch, da Nicolas durch seine Eltern im Elsass die deutsche Sprache gewohnt ist. Wir verständigen uns einwandfrei, es gibt nur vereinzelt Worte, die ich in ihrer Eigenheit nicht zu identifizieren weiß. Die Sprache kommt ihm auch auf seiner Arbeit in Basel zu Gute. Auf dem Weg dorthin, nimmt er mich mit zur nächstgelegenen Ausfahrt in meiner Richtung.

 

Kurz vor sechs stehe ich also bereits auf der Autobahn. Viel zu früh um einerseits in der Dunkelheit gesehen zu werden, aber andererseits um die rationale Entscheidung zu treffen, einen besser gelegenen Punkt anzusteuern. Nach längerer Zeit in der Kälte und ausreichender Blendung der undankbaren Autoscheinwerfer, stapfe ich dann doch los, durch ein suburbanes Wohngebiet, zu einer besser gelegenen Kreuzung.

Als auch dort das Glück nicht auf meiner Seite zu sein scheint, laufe ich noch ein weiteres Stück. Meine Rettung ist schließlich ein Rastafa, der an diesem Morgen bereits tiefenentspannt durch den Stadtverkehr manövriert. Er fährt mich zu einem gut gelegenen Kreisverkehr, welche hier in Frankreich zum trampen wirklich sehr praktisch zu sein scheinen. Auf der Autobahn gibt es längst weniger Rastplätze und Buchten, als in Deutschland.

 

Kurzerhand nimmt mich von dort aus ein Fahrzeugteile-Lieferant mit, der außerdem noch Rosen transportiert und der mich, mit dem Zwischenstopp einer Lieferung, ein gutes Stück weiter bringt. Auch er ist begeistert von meinem Vorhaben, ähnlich wie der Fahrer, der mich am Tag zuvor von Karlsruhe nach Baden Baden gefahren hatte. Hier und da erhalte ich einige Informationen über Portugal, welches ich nach wie vor als mein vorläufiges Ziel angebe. Klar nehme ich aber auch dazu Stellung, kein festes Ziel vor Augen zu haben, um der Spontanität und der Freiheit auf meiner Reise genügend Raum zu geben. Unverändert bin ich der Überzeugung, dass sich alles auf eine Weise entwickeln wird, mit der ich zufrieden sein kann.

Die Ehrlichkeit des Augenblicks trifft mich zwar dennoch ab und an wie ein Schlag ins Gesicht, doch das Gesamtbild meiner Erfahrung versetzt kraftvoll jedes Detail in Relation. So lässt sich ein kalter undankbarer Vormittag bei warmen Kaffee, einer vernünftigen Dusche oder einer soliden Aussicht über einer wunderschönen Stadt beispielsweise schnell vergessen.

 

Weiter geht es mit zwei Algeriern, die sich, für die Fahrt nach Besançon, von mir etwas Geld erhoffen. Als ich ihnen zu verstehen gebe, dass ich auf meiner Reise ohne viel Geld unterwegs bin, schaffen sie selbstverständlich Platz in ihrem Transporter und schon geht es los. Über eine Landstraße, sie vermeiden die direkte, mautpflichtige Autobahn.

An einer Tankstelle mache ich es mir in der Sonne bequem und genieße die warmen Strahlen. Dabei vertilge ich mein Mittag und halte mein Schild gegen die Sonne. „Dijon“ zeigt es in schwarz-blauen Lettern. Vorbeilaufende Menschen blicken mich interessiert an. Von Zeit zu Zeit ein Fünkchen Mitleid. Aber ich habe bei weitem keinen Grund dafür bemitleidet zu werden!

Großelterlich werden unabhängig voneinander zwei ältere Menschen auf mich aufmerksam und beschließen mir zu helfen. Sie geben der Tankstellen-Angestellten Anweisungen mein Schild neu aufzusetzen". Darauf zu sehen ist nun der selbe Schriftzug, mit dem Zusatz „A36“ der auf die Autobahn verweist. Viel verstehen kann ich nicht, doch ihre Fürsorge ist herzlich! Im Gehen zückt der Mann einen 10 Euro-Schein und reicht ihn mir, so sehr ich diesen ablehnen möchte, schon geht er weiter.

 

Meine Richtung ändert sich. Statt Dijon wird nun Lyon auf direktem Weg mein Ziel. Ein Mann, der mich zur nächsten „Péage“, der Mautstation fährt empfiehlt mir dies. Nicht lange habe ich zu warten, da sitze ich auch schon im Auto eines Mannes, der mich direkt ins Stadtzentrum Lyons bringt. Ein richtiger Glückstreffer. An diesem Tag schaffe ich eine relativ weite Strecke zurückzulegen und komme mit einem Lächeln auf dem Gesicht, im wunderschönen Lyon, an. Ich bin müde, der Tag war lang. Ich treffe einen Gentleman, der mich auf einen Tee in sein Luxus Apartment, direkt an der Rhône, einlädt. Die fünfte Etage bietet mir eine einmalige Sicht über einen Teil der Stadt und vor allem auf die gegenüberliegende Kathedrale, die mächtig auf einem am Rande gelegenen bewohnten Hügel prangt. Er bietet mir eine Übernachtung an, Couchsurfing ist großartig!

 

Am nächsten morgen begebe ich mich mit samt meines Gepäcks, an das ich mich nun gewöhnt habe, in die Stadt. Ab und zu zieht es mich in eine Boutique zum Verweilen oder gelegentlichen Aufwärmen. Kleine urige Läden gibt es hier zur Genüge, alle strahlen sie eine wohlige, gemütliche Atmosphäre aus. Keiner gleicht dem nächsten, und sie sind perfekt, katalogreif! Es macht mir großen Spass Lyon zu entdecken und unter uns, ein bisschen habe ich mich schon verliebt.

 

Gegen Mittag treffe ich Julia, aus Deutschland, die in Lyon ihren Europäischen Freiwilligendienst leistet. Sie hat sich in der Stadt schon gut eingelebt und kennt sich natürlich schon aus. Nachdem ich meinen großen Rucksack in ihrer kleinen, aber super zentral gelegenen Wohnung abgestellt habe, gehen wir gemeinsam ein Stück durchs Viertel und kommen schließlich in einer Bibliothek an, die uns einen warmen, gemütlichen Platz zum sitzen bietet, und Internet. Später laufen wir noch über einen Markt und kaufen lokale Köstlichkeiten. Julia ist dann bis Abends beim Sport und ich bin wieder unterwegs in der Stadt.

Mit leichten Schritten und spürbar wenig Gepäck, tragen mich meine Füße auf den Fourvière-Hügel, der mit einem unfassbar schönem Ausblick über der Stadt wacht. Dort oben thront die Basilika Notre-Dame de Fourvière, die Teil des UNESCO Weltkulturerbes ist. Diese aus der Nähe zu sehen beeindruckt mich, ins Innere kann ich leider nicht, da gerade eine heilige Messe stattfindet. Die meisten Kirchen hier sind katholisch.

 

Bevor ich mich an diesem Abend zur Nachtruhe begebe, einen Schlafplatz stellt mir Julia sicher, die ebenfalls Couchsurferin ist, treffe ich mich mit einer Freundin von ihr zu einem Couchsurfing-Event. Ein Spieleabend, in einem eigens dafür vorgesehenem Café, - dass es so etwas gibt!? Der Abend verläuft super, wir haben viel zu lachen. Die internationale Gruppe ist großartig! Das Lokal lebt, wie mir gesagt wird, ausschließlich durch die Einnahmen der Getränke. Der Beitrag von 3€ für den Abend ist eher symbolisch, und die enorme Auswahl der unterschiedlichsten Brettspiele definitiv wert. Dies also am Rande als kleiner Tipp für die Freundinnen und Freunde des Spielens.

Auf dem Heimweg mit Jule, ebenfalls aus Deutschland, die auch bei Julia übernachtet, komme ich noch an einem Straßen-Festival vorbei, dass zu Ehren der neuen Wein-Charge einer bestimmten Sorte gehalten wird. Für 30€ ist einem der Eintritt mit inklusiver Verkostung gewährt. Auf den Straßen ist die Polizei und sogar Armee mit Maschinengewehren präsent. Sicherlich zum Schutz, besonders sicher fühle ich mich dabei allerdings nicht.

Die erste Woche meiner Reise verstreicht wie im Flug und dennoch erlebe ich sie wie eine Ewigkeit, mit nimmer endenden, neuen Erlebnissen. Die Spannung bleibt. Weiter geht es, Richtung Süden.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Helena (Freitag, 17 November 2017 05:54)

    Lieber Ansgar,
    habe mit größtem Interesse gelesen : schön, dass Du mich und wen alles auch sonst noch teilhaben lässt. Irre und schön, was Du schon alles erlebt hast. Eine ganz andere Realität, als ich hier mit ArtLight in Q. Ich sende die herzlichsten Grüße und ein bisschen Wärme vom heimischen Ofen, Helena