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Logbuch VI

Winter in Granada

Das neue Jahr – ano nuevo, wird eingeläutet. Unter anderem erkenntlich durch das zahlreiche Feuerwerk über der Stadt. Dieses wurde allerdings auch an einigen vorigen Tagen schon freudig getestet. Nun betrachten wir zur finalen Minute, dem Wechsel ins Jahr 2018, das Spektakel der Pyrotechnik, der berstenden Feuersprudel, aus guter Entfernung. Einer der Hügel über unserem „Valley“ bietet eine nahezu perfekte Sicht. Agy neben mir bemerkt, dass es bei ihren Lieben in Estland bereits seit einer Stunde Neujahr ist! Und wir sind in Südspanien und erleben dabei beide zum ersten Mal in unserem Leben ein recht warmes Silvester.

 

Zurückblickend staunen wir über die Möglichkeiten, die sich uns bieten, ein freiheitliches Leben zu führen. Sie sind schlicht überwältigend und zugleich drücken sie eine zufriedenstellende Genugtuung aus, die meine Arme, immer wieder aufs neue, dankend Richtung Himmel bewegen könnte! Wie gut es uns geht! Richtig Pech hatten wir durch glückliche Fügungen nicht, bezogen aufs Ganze.

Um allerdings auch von der anderen Seite zu berichten: Agy hatte leider vor einigen Wochen eine offene Wunde am Schienenbein erwischt. Ein Krankenhaus war keine Option, da sie nicht versichert ist und von uns auch nicht unbedingt empfohlen wurde, da es nicht „unheilbar“ aussah und wir es vorerst selbst versorgten. Zu ihrem Verdruß schien die verdammte Wunde nicht zu heilen und auch nach mehr als einer Woche war ihrer Meinung nach kein Fortschritt erkenntlich, trotz einiger Mittel aus der Apotheke, unter anderem einer Antibiotika Salbe. Zum Glück fand sich über Bekannte des anarchistischen Squats, den wir an unserem ersten Tag in Granada aufgesucht hatten, ein Arzt der ihr helfen konnte.

Bald braucht sie also nicht mehr versuchen ihren Drang zum Tanzen zu unterdrücken, denn die Wunde wird Geschichte sein, und ihr Streetdance kein Problem!

Während der Zeit hier nahm sie schon an zwei Turnieren teil, welche sogar teils außerhalb Granadas stattfanden. Was der Rest unserer Kommune nur als Video ihrer Improvisationskunst bestaunte beeindruckte vor Ort eine Jury!

Mein zweiter stetiger Weggefährte, der hier auch mit Sack und Pack sesshaft geworden ist (naja für einige Zeit) bot an, sich um einen zweiten Hund zu kümmern, während deren Besitzerin für einige Zeit abwesend ist. Ireneuz unterscheidet sich zusammen mit Agy natürlich nur insofern von meinen anderen Freunden im Valley, dass sich unsere Wege zuerst kreuzten und wir tatsächlich immer noch zu dritt zusammen hier sind und für diese Zeit ein schönes Zuhause gefunden haben.

 

Es schneit. Nein. Doch, es SCHNEIT! Wir sitzen gemütlich im vorderen Raum meiner Höhle, den ich erst kurz zuvor fertigestellt habe, um eben dies zu tun, gemeinsam mit den anderen hier zu verweilen. Der Eingang meiner Höhle befindet sich ein wenig hangaufwärts und gewährt so, auch von Innen schauend, einen schönen Ausblick ins Tal und hinauf zum gegenüberliegenden Hügel, auf dem stolz ein einziger Baum wächst, den ich besonders gerne mag. In Wirklichkeit stehen hinter diesem Bäumchen noch etliche weitere, schützend, jedoch von unten schauend versteckt.

 

Jedenfalls sehen wir nun gespannt dem Schneetreiben zu. Es verwandelt unser Tal völlig. Mir gefällt dieser „Tapetenwechsel“! Aber hatten wir nicht am Tag zuvor noch barfuß Wasser geholt und in der Hängematte gechillt? Nach einem starken Regen, der während der Nacht getobt hatte, sind wir nun umso mehr erstaunt, die dicken Flocken scheinen eine Weile zu bleiben! Es ist also kalt genug um diese nicht direkt schmelzen sehen zu müssen. Mit Decken, Kerzen und Musik haben wir es gemütlich und später kochen wir noch. Das ist dank einiger Camping Gaskocher auch drinnen möglich. Am nächsten Tag haben die Bäume das meiste schon abgeschüttelt und auch in der Ebene reduziert sich das Weiß langsam wieder. In der Ferne bleiben allerdings unverändert die schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada.


Aber noch einmal zurück zum Silvester-Abend. Agy und ich machen uns, vom Hügel aus, auf den Weg in die Stadt. Das Getöse ist immer noch deutlich zu vernehmen. Tatsächlich sogar fast stärker als direkt um 12 Uhr. Da waren die Spanier sicherlich mit ihren 12 Oliven beschäftigt. Das ist Tradition diese in den letzten Sekunden des Jahres zu essen. In der Innenstadt ist es eher ruhiger, wahrscheinlich ist es hier nicht erlaubt das Feuerwerk zu zünden. Wir gönnen uns Streetfood und treffen wenig später Marie, die übrigens auch mit uns im Valley wohnt. Zusammen sind wir nun auf der Suche nach einem guten Club. Die erste Idee ist gut, bis wir vom 10€-Eintritt erfahren. Weiter geht’s. Wir treffen die nächste Wahl, und begegnen in einem relativ alternativem Schuppen, vollgestopft mit Tanzenden Menschen und solchen die nur an der Bar sitzen, die sich bis ganz nach hinten zieht, viele unserer Bekannten! Sie sind hier schon eine ganze Weile und bleiben letztendlich auch länger als wir.

Rybi, der Agy, Ireneuz und mich am ersten Tag abends in der Stadt getroffen hatte, ist ebenfalls hier, sogar leider in Begleitung seines kleinen Hundes. Der hat es bei den vielen Menschen und der lauten Musik natürlich nicht so gut und hat sich hingekauert zwischen Taschen, unter Mänteln.

 

Bevor wir letztendlich aufbrechen, lauschen wir noch einer guten Jam-Session vor der Bar. Dann machen einige unserer Truppe sich auf den Heimweg. Immerhin noch eine gute Stunde zu Fuß. Rybi hatte sich nicht überreden lassen den Hund schon mit zurück zu schicken. Es war eine schöne Nacht! Am nächsten Tag müssen wir lange schlafen.


Auch mit meinem Freund Arren aus der UK bin ich immer Mal in Granadas Bars unterwegs, unter anderem auf der Spur von Life-Musik. Und die gibt es hier! Sehr gut gefällt mir eine Gruppe Französisch - und Russischsprachiger Menschen, mit außerdem einem Kanadier, die auf Akkordeon, Violine, Klarinette, Saxophon, Gitarre und Gesang, ein qualitatives Konzert ohne gleichen liefern. Begleitet werden die Instrumente von einem selbstgebauten, einseitigen Bassinstrument. Es besteht aus einer Plastiktonne an deren Unterseite ein Strick befestigt ist, der mit einem langen Ast gegen den Rand der Tonne gespannt wird und durch unterschiedliche Spannung des Seils seine Töne beim Anschlagen erzeugt. Diese Art von Bass habe ich zuvor schon bei einigen Jam-Sessions der Straßenmusiker gesehen und ausprobieren dürfen ebenfalls.

 

In Arrens Wohnung kann ich immer die vorteilhaften Eigenschaften eben dieser genießen. Duschen, ausgiebig Kochen und einen Film sehen! Er hat viel Platz. Mehr als seine Lebensgefährtin, die Katze und er benötigen, wie er meint. In dem Raum in dem ich auch zuvor schon übernachtet hatte ist es meinem Gefühl mach, ohne den externen Heizkörper, kälter als in meiner Höhle! Ach ihr Spanier, warum sind dünne Fenster und keine vorgesehenen Heizungen in den Häusern Normalität? Es wird doch jedes Jahr, wenn auch nicht sehr lange, auch mal ziemlich kalt! Und eine gute Isolierung würde sich auch an Sommertagen erkenntlich zeigen, die euch mit 45°C oder mehr plagen.

 

Dreikönig wird hier in Spanien erstaunlich groß zelebriert. Schon am Tag zuvor kann ich eine Parade beobachten, in den Läden gibt es den traditionellen Kuchen zu hauf, und Läden und öffentliche Einrichtungen haben auf einmal wieder geschlossen bis auf weiteres. Diese Fiesta-Kultur ist schon beeindruckend!

Wir feiern im Valley auch noch etwas, den Geburtstag von Ireneuz. Von mir bekommt er ein paar warme Wollsocken!

 


Kleiner Rückblick

Bereits mehr als zwei Monate sind nun vergangen, seit ich mein Zuhause in Deutschland verlassen habe. Einer meiner Wünsche war es, ins Warme zu reisen. Den regnerischen Herbst habe ich damals erfolgreich hinter mir gelassen, symbolisch sogar direkt nach der deutschen Grenze. Anschließend bin ich recht zügig durch Frankreich getrampt und bin dann sogar schneller als gedacht in Spanien gelandet. Je näher ich Südspanien kam desto mehr entschleunigte sich meine Reise. Unbewusst könnte man sagen, jedoch lag es zum einen am erschwerten Trampen und zum anderen am schönen Klima hier unten. ;) Jedenfalls habe ich bisher soviel gelernt, so viel Güte erfahren, so viele liebe Menschen kennen lernen dürfen, so viele tolle Orte erkundet und ich bin an meinen Erfahrungen gewachsen! Daraus entstehen nun neue Träume, wundervoll.

Also ich habe noch viel Energie meine Reise fortzusetzen, weiß aber natürlich nicht wie lange. An dieser Stelle mal einen lieben Dank an euch Leser! Euer Interesse an meiner geschriebenen Geschichte in Form der Logbücher erfreut mich.

 

Der Schnee, so sehr ich mich darüber auch gefreut habe, ist nun aber für mich ein Zeichen, dass der Winter mich eingeholt hat. Es wäre doch möglich erneut gen Süden aufzubrechen. Wie wird es wohl bei mir weitergehen?  

 

 

 

Übrigens, eine Auswahl der Portraits, die auf meiner Tour entstehen, veröffentliche ich von nun auf einer Instagram-Seite. Wer also in meinen Blogs ein paar Gesichter vermisst, kann diese dort eventuell finden.


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